Make Tragedy Farce Again

„Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ (Karl Marx)

Fast niemand hat es so richtig für möglich gehalten, aber es ist passiert. Donald Trump wird Präsident der USA. In den meisten linken Social Media-Timelines herrscht Weltuntergangsstimmung, viele fühlen sich auch in ihrem Hass auf die USA bestätigt und lachen über die zurückgebliebenen Amis, die so ein Kasperl auch noch wählen, was hier natürlich nie und nimmer möglich wäre. Und sie haben Recht. In Europa macht man keine halben Sachen. Da stehen mit Hofer, Le Pen und Orban seriös wirkende und deshalb ungleich gefährlichere Rechte zur Wahl beziehungsweise sind bereits an der Macht. Trump ist nicht die große Tragödie, er ist die Farce.

Ja, selbstverständlich ist Trump widerlich. Ein sexistischer, rassistischer Großkapitalist mit einem „Humor“ wie Mario Barth und einem generellen Auftreten, das an Silvio Berlusconi erinnert. Aber verglichen mit dem, was in Europa schon alles regiert hat und noch regiert, ist er vor allem eines: ein schlechter Witz. Die Weltuntergangsszenarien, die vor dem drohenden Atomkrieg oder wengistens vor der Rücknahme sämtlicher Errungenschaften in puncto Gleichberechtigung von Frauen, ethnischen Minderheiten und LGBT in den USA warnen, sind absolut fehl am Platz. Trump ist gerade in diesen Fragen tatsächlich weniger reaktionär als irgendein republikanischer Kandidat der letzten Jahrzehnte. Dazu gehört zwar nicht viel, aber es ist wichtig. Denn in allen Kommentaren zur Wahl wurde uns eingeredet, es ginge um Rasse und Geschlecht – und dann ist das Gegenteil eingetreten. Trump hat bei Schwarzen und Hispanics besser abgeschnitten als jeder republikanische Kandidat seit dem Zweiten Weltkrieg, er hat weit mehr Stimmen von Frauen bekommen als erwartet. Entschieden wurde die Wahl in den Staaten des sogenannten rust belt im Norden der USA. Ehemalige Industrieregionen, die durch die Krisen der letzten Jahre und Jahrzehnte schwer getroffen wurden – und eigentlich Hochburgen der Demokratischen Partei, in denen die Republikaner seit mindestens dreißig Jahren weitgehend chancenlos waren. Wisconsin, Michigan, Iowa, Ohio.

In diesen Staaten feierte der linke Kandidat Bernie Sanders bei den Vorwahlen einige seiner größten Erfolge. Hier wurde deutlich, dass mit liberaler Politik, die in gesellschaftspolitischen Fragen ein paar Zugeständnisse macht und sozial- und wirtschaftspolitisch alles beim Alten lässt, gegen den dumpfen Populismus eines politischen Clowns nicht gewonnen werden kann. Ein*e auch nur sozialdemokratische*r Kandidat*in hätte in diesen Staaten einen Erdrutschsieg geholt. Wenn es eines aus der Wahl in den USA zu lernen gibt, dann das: die „linke“ Identitätspolitik ist krachend gescheitert. Wer weitere Trumps oder gar noch Schlimmeres verhindern will, braucht eine soziale, eine sozialistische Alternative. Das heißt selbstverständlich nicht, dass die Auseinandersetzung mit Sexismus oder Rassismus unwichtig wäre oder zurückgefahren werden sollte. Das Motto hier sollte sein, das eine tun und das andere nicht lassen. Aber wer den Arbeitslosen in Wisconsin, Ohio oder eben auch in Wien Simmering etwas von „white privilege“ erzählt und gleichzeitig zu deren ökonomischer Situation nichts anzubieten hat als Lippenbekenntnisse, braucht sich nicht zu wundern, wenn deren Antwort „fuck you“ lautet. Bernie Sanders war weit davon entfernt, revolutionär zu sein, aber diese zentrale Tatsache hat er verstanden. Auch er hat sich für gesellschaftspolitische Themen eingesetzt, etwa für gleiche Rechte für Afroamerikaner*innen und LGBT. Und das seit Jahrzehnten, zu einem Zeitpunkt, als Clinton von diesen Themen nichts wissen wollte. Aber er hat eben nicht nur das getan. Er hat keine „moderne“ linksliberale Wohlfühlpolitik betrieben, die nur noch Identitäten, aber keine Klassen mehr kennt. Er hat sich demonstrativ an die Seite der Gewerkschaften gestellt, hat den Mindestlohn und kostenfreie höhere Bildung zu seinen zentralen Wahlkampfthemen gemacht und damit in genau den Gegenden gepunktet, die jetzt Trump zum Präsidenten gemacht haben. Wenn die Linke hoffen will, den nächsten Trump oder gar Schlimmeres besiegen zu können, dann muss sie die Konsequenz ziehen, die Klassenfrage wieder ganz oben auf die Prioritätenliste zu setzen.